Sportschau
21 de setembre del 2026

Stand: 21.09.2026 • 12:01 Uhr
Erst liefen sie hinterher, dann waren sie 70 Minuten ein Mann mehr und gingen in Führung. Warum es für Energie Cottbus gegen den FC St. Pauli nicht zum Sieg reichte und weshalb das trotzdem keine schlechte Nachricht sein muss.
Dinge, die 70 Minuten dauerten: Die kürzeste, aufgezeichnete Rede Fidel Castros. Die Erd-Umrundung Juri Gagarins. Die Überzahl von Energie Cottbus im Zweitligaspiel gegen den FC St. Pauli. Doch während Castro und Gagarin mit ihrer 70-Minuten-Ausbeute vermutlich recht zufrieden waren, dürfte die Mannschaft von Trainer Claus-Dieter Wollitz ein paar Tage brauchen, sich vom Ärger über die verpasste Chance ihrer 70 Minuten zu erholen.
Denn dass der Zweitliga-Aufsteiger Cottbus ein 1:1 erreicht gegen den Bundesliga-Absteiger St. Pauli, wäre vor der Partie vermutlich von gar nicht mal so wenigen Energie-Anhängern mit einem "nehmen wir" kommentiert worden. Mehr noch nach der Anfangsphase der Partie, in der die Gäste aus Hamburg derart dominierten, dass man sich gar nicht mal so sicher war, ob sie nicht vielleicht doch noch ein Erstligist seien.
Denn Cottbus, das das Abenteuer zweite Liga bisher mit so beeindruckend viel Mut und Angriffslust angegangen war, bekam in dieser Anfangsphase gehörig die Grenzen aufgezeigt. Gegen das hohe und sehr geschlossene Pressing St. Paulis versuchten sich die Lausitzer zwar zur Mehrung ihrer Ehre spielerisch zu befreien. Allein: Es gelang so gut wie gar nicht.
Die beste Nachricht aus Sicht der Gastgeber nach gut einer Viertelstunde war deshalb jene, dass die Hanseaten abgesehen von einem (knappen) Abseitstor in der dritten Minute zwar auf Chancen, aber keine der Sorte sonderlich hochkarätig kamen.
Erst nach rund 20 Minuten veränderte sich die sogenannte Statik des Spiels. Weil Cottbus nun aus einer gewissen Wut über die eigene Unterlegenheit heraus sich doch so langsam und Stück für Stück immerhin mal über die Mittellinie wuchtete. Und weil Hamburgs Abwehrspieler Tomoya Ando es vollbrachte, innerhalb von vier Minuten (17. und 21.) zwei gelbe Karten und in Summe also einen Platzverweis zu sammeln.
Dann begannen sie, die 70 Minuten Überzahl. In denen Cottbus zunächst in formloser Weise von St. Pauli die Schlüssel über die Spielkontrolle überreicht bekamen. Um anschließend für längere Zeit darüber nachzudenken, wie genau dieser Schlüssel denn jetzt genau einzusetzen sei. Cottbus hielt den Ball in den eigenen Reihen. Weniger, so schien, um Chancen herauszuspielen, als vielmehr, um Gäste-Konter zu vermeiden.
Dass Cottbus trotzdem mit 1:0 in Führung ging, hatte dann auch vor damit zu tun, dass dieser Aufsteiger über erstaunlich viele Spieler zu verfügen scheint, die das Potential haben, auch in der zweiten Fußball-Bundesliga den Unterschied zu machen. So wie die Innenverteidiger King Manu und Luca Erlein, die die Restverteidigung gegen Pauli-Konter unter sich ausmachten und das mit beeindruckender Souveränität lösten. Und so wie Justin Butler.
Über Butler hatte Cottbus-Coach Wollitz schon vor einem Jahr gesagt, dieser sei "eigentlich ein Bundesliga-Spieler" und dass sich er in der zweiten Liga vermutlich viel besser zurechtfinden würde als noch in Liga drei, in der es noch eine Nummer rustikaler zugeht. Nach vier Scorer-Punkten in sechs Zweitliga-Spielen lässt sich sagen: Wollitz hatte scheinbar seine Gründe, sich derart aus dem Fenster zu lehnen.
Gegen St. Pauli jedenfalls machte Butler ein Tor aus dem Nichts. Beziehungsweise aus einer Drehung, der ein platzierter wie unvorhersehbarer wie humorloser Abschluss folgte, dass man direkt nochmal nachschauen musste, wo dieser 25-Jährige denn das Fußballspielen erlernt hat.
Und aha, siehe an: Bayern München. Zwischen der U17 und der U19 dribbelte Butler für den deutschen Rekordmeister auf, ehe er sich auf Wanderschaft begab und, ohne respektlos Energie Cottbus gegenüber sein zu wollen, 2025 und ablösefrei in der dritten Liga und der Lausitz wiederfand.
Biographien wie jene von Justin Butler finden sich einige im Kader von Energie Cottbus. Biographien, die beweisen, dass vieles keine Frage des Talents ist, sondern der richtigen Verwendung dieses Talents. Worüber man nach diesen 70 Minuten Überzahl gegen den FC St. Pauli in Elogen hätte abtauchen können. Doch es muss beim Konjunktiv bleiben.
Denn mit der Führung schien Cottbus zugleich auch eine Überforderung aufgeladen zu haben. Sollte die Mannschaft sie über die Zeit bringen, bloß kein Risiko mehr eingehen und in rigorose Abwehrarbeit investieren? Oder aber mit breiter Brust auf das torentscheidende 2:0 spielen? Die Mannschaft verneinte beides.
Auch wenn es letztlich nur eine einzige, klare Chance war, die St. Pauli in der zweiten Halbzeit hatte - die Hanseaten nutzten sie zum Ausgleich durch Martijn Kaars (80.). Und auch wenn Cottbus danach sofort wieder in den Angriffsmodus fand und noch zu Chancen und einem Lattentreffer (Erlein, 83.) kam - am Ende muss die Erkenntnis überwiegen, dass Cottbus dieses Spiel angesichts der Umstände hätte gewinnen müssen. Oder wie Trainer Wollitz nach dem Spiel eher schnaubte denn sagte: "Selber schuld!"
Immerhin darf man der Mannschaft angesichts der Erfolge der letzten Jahre durchaus zutrauen, aus diesen 70 Minuten schnell und entscheidend zu lernen. So historisch wie bei Fidel Castro und Juri Gagarin dürfte es dann zwar nicht gleich werden. Vermutlich aber zum Klassenerhalt reichen. Das ist doch auch was.
Sendung: rbb|24, 20.09.2026, 16:59 UhrAudio: rbb|24, 20.09.2026, Lars Becker im Gespräch mit Nikolaus Hillmann
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